Iudex non calculat war gestern

Prozessrisikoanalyse: Erfolgsaussichten vor Gericht bestimmen

Von Dr. Anke Sessler und Max Stein

Beitrag als PDF (Download)

Mit ihrem Buch „Prozessrisikoanalyse“ haben die Autoren Prof. Dr. Jörg Risse und Dr. Matthias Morawietz sich viel vorgenommen: den Juristen das Rechnen beizubringen. Doch die beiden Autoren gehen mit gutem Beispiel voran. Wer sich auf die anschauliche und mit vielen Beispielen angereicherte Anleitung einlässt, stellt schnell fest, dass die Mathematik auch in der Juristerei ihren Platz hat oder zumindest haben sollte.

Überblick

Grob gliedert sich das Buch in zwei Teile, die Erläuterung der Prozessrisikoanalyse und die Übung dieser Technik anhand zahlreicher praxisnaher Fallstudien. Das erklärte Ziel der Autoren ist es, Gefühl durch Logik zu ersetzen. Ihnen ist es ein Greuel, dass Anwälte und Mandanten Prozessrisiken viel zu oft „aus dem Bauch heraus“ bewerten. Sie führen den Leser anschaulich durch die Technik der Prozessrisikoanalyse, indem sie Schritt für Schritt erläutern, wie Chancen und Risiken in einem geordneten Verfahren erfasst, strukturiert und bewertet werden können. Welch schlechter Ratgeber die Intuition bei der Bewertung von Prozessrisiken ist, untermauern sie gleich im ersten Fallbeispiel auf höchst beeindruckende Weise, indem sie den Leser die Prozessrisiken zunächst intuitiv bewerten lassen – mit verheerendem Ergebnis (für den Leser). Zwar mögen erfahrene Prozessanwälte in ihrer Einschätzung dem richtigen Ergebnis durchaus einmal nahekommen, mit einer strukturierten Herangehensweise hat das jedoch nichts zu tun. Durchaus kritisch konstatieren Risse und Mora­wietz, dass sich Anwälte zu häufig hinter dem Spruch „iudex non calculat“ verstecken.

Von Entscheidungsbäumen und Entscheidungsknoten

Für eine mathematisch fundierte Bewertung von Prozessrisiken schlagen die Autoren „Entscheidungsbäume“ vor, deren sogenannte „Entscheidungsknoten“ aus den entscheidenden Sachverhalts- und Rechtsfragen gebildet werden. Die Erarbeitung aller wesentlichen streitigen Fragen – der Entscheidungsknoten – ist der fundamentale Grundstein der Prozessrisikoanalyse und ureigenste Juristenarbeit. Maßgeblich, so erläutern die Autoren, ist bei der Erstellung des Entscheidungsbaums, dass die bei den Knoten angegebenen Möglichkeiten sich in einem Entweder-oder- und Sonst-nichts-Verhältnis zueinander verhalten – ein Anspruch also beispielsweise entweder verjährt oder durchsetzbar ist und es an diesem Knoten „sonst nichts“, also keine weitere Möglichkeit gibt.

Anschaulich und mit vielen Beispielen zeigen Risse und Morawietz auf, wie sich die Entscheidungsknoten logisch und übersichtlich anordnen lassen. Den verschiedenen Möglichkeiten an den jeweiligen Knoten werden Wahrscheinlichkeiten zugeordnet, die wiederum mit den jeweiligen Beträgen multipliziert werden. In einem ganz einfach gelagerten Fall mit nur einem Entscheidungsknoten wäre die Rechnung folgendermaßen: Wird die Wahrscheinlichkeit, dass eine Forderung in Höhe von 10.000  Euro verjährt ist, mit 60%, dass sie dagegen nicht verjährt ist, mit 40% bewertet, so wären zwei Multiplikationen durchzuführen. 0  Euro (da Forderung verjährt) mal 0,6 und 10.000  Euro (da voller Anspruch durchsetzbar) mal 0,4. Die Produkte dieser beiden Multiplikationen wären zu addieren, so dass der Gesamtprozesserwartungswert aus Sicht eines Klägers, beziehungsweise das Gesamtrisiko des Anspruchsgegners, 4.000  Euro betragen würde. Die von den Autoren dargelegten Fallbeispiele sind deutlich komplexer, zur Verdeutlichung des Grundprinzips möge hier aber dieses einfache Beispiel genügen.

Deutlich wird bei dieser Rechnung, dass der Bestimmung der Eintrittswahrscheinlichkeiten für eine erfolgreiche Prozessrisikoanalyse eine wesentliche Rolle zukommt. Risse und Morawietz verlangen diesbezüglich einen Zwang zur schriftlichen Begründung, was für Disziplin und Gründlichkeit sorgen soll.

Persönliche Einschätzung

Verblüffend an der Berechnung unter Zugrundelegung aller möglichen streitigen Fragen, also der Berücksichtigung aller Entscheidungsknoten, ist, dass das Gesamtrisiko oder der Gesamtprozesserwartungswert oft deutlich geringer ist als bei einer intuitiven Bewertung. Ein Vorteil ihrer Methode ist nach Ansicht der Autoren, dass das Risikobewusstsein verbessert werde. In der Regel schätzten die Parteien ihre Chancen nämlich überoptimistisch ein. Aufgrund der grafischen Darstellung und der klaren Herausarbeitung der Entscheidungsknoten, mit anderen Worten der „Knackpunkte“ des Falls, steige zudem zweifelsohne die Effizienz der Kommunikation über den Konflikt. Auch Vergleichsverhandlungen ließen sich so zielführender gestalten – all das leuchtet bei der Lektüre des Buches ohne weiteres ein.

Prozessführung als Investition

Die Autoren verweisen noch auf einen weiteren, besonders spannenden Vorteil ihrer Methode, nämlich die Sicht einer Prozessführung als Investition. Errechnet ein Unternehmen, das die Einleitung eines streitigen Verfahrens ins Auge fasst, den Gesamterwartungswert mit der Methode der Autoren und vergleicht diesen mit den Prozesskosten, so lassen sich die Prozesskosten unter Umständen als Investition begreifen, diesen Erwartungswert „zu heben“.

Risse und Morawietz führen als Beispiel eine Streitigkeit aus einem Offshorewindpark an. Betragen der Streitwert 100 Millionen Euro, der Erwartungswert 53,5 Millionen Euro und die voraussichtlichen Kosten für Anwälte und ein Schiedsgericht (Prozesskosten) 5 Millionen Euro, so lässt sich mit einem vergleichsweise geringen Betrag von 5 Millionen Euro ein Betrag von 53,5 Millionen Euro heben. Die Prozesskosten haben somit eine zehnfache Rendite. Die Autoren verweisen zu Recht darauf, dass sich hierdurch gerade auch in der unternehmensinternen Kommunikation der Weg weg von einem Kostenfokus hin zu einem Investitionsdenken beschreiten lässt. So lässt sich beispielsweise die Frage, ob ein besonders teures Sachverständigengutachten eingeholt werden sollte, anhand des Entscheidungsbaums beantworten. Die durch das Sachverständigengutachten verursachte Steigerung der Wahrscheinlichkeit, an einem bestimmten Entscheidungsknoten zu obsiegen, lässt sich unmittelbar ausrechnen und mit den dafür aufzuwendenden Kosten vergleichen.

Fazit

Risse und Morawietz setzen sich in ihrem Buch auch mit den Nachteilen ihrer Methode auseinander – spiegelt die mathematische Herangehensweise eine Genauigkeit vor, die es in der Juristerei nicht gibt? Die Autoren verwehren sich gegen solche Vorwürfe und weisen zu Recht darauf hin, dass die alleinige Alternative das herkömmliche „Über-den-Daumen-Peilen“ des Anwalts sei, das in der Regel mit einer nebulösen „Es kommt darauf an“-Empfehlung ende. Die Prozessrisikoanalyse hingegen verlangt dem Anwalt ein strukturiertes Vorgehen ab, das ihm einen solchen Ausweg gerade verwehrt. Manchem Anwalt mag da angst und bange werden, denn übersieht er in seiner Analyse eine Streitfrage – einen Entscheidungsknoten –, die/den das Gericht letztlich für maßgeblich erachtet, droht ihm die Haftung. Risse und Morawietz erkennen dieses Problem und gestehen zu, dass die Prozessrisikoanalyse ein entsprechendes Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Mandant erfordere oder das zusätzliche Haftungsrisiko jedenfalls durch ein angemessenes Honorar abgegolten werden müsse.

Die Autoren veranschaulichen und erläutern eingehend die Technik und ermöglichen es dem Leser, diese anhand von Fallstudien anzuwenden. Wer das Buch liest, kann sich der Faszination der Methode nicht erwehren und wird es nicht bei der Theorie belassen wollen. Offen bleibt, ob die Methode zu mehr oder weniger Rechtsstreitigkeiten führt. Jedenfalls aber sorgt sie dafür, dass die Parteien sich auf einer besser informierten Grundlage streiten und Vergleichsangebote besser bewerten können.

Hinweis der Redaktion: Autoren und Titel des hier besprochenen Buches: Risse/Morawietz: Prozessrisikoanalyse. Erfolgsaussichten vor Gericht bestimmen. C.H. Beck, Manz, Helbing Lichtenhahn 2017. (tw)

anke.sessler@skadden.com

max.stein@skadden.com